Neue Gaskraftwerke für die Stromerzeugung bei Dunkelflauten werden bis spätestens 2031 in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg entstehen. Dies ist das Ergebnis einer ersten Ausschreibungsrunde der Bundesnetzagentur. Die Zuschläge gingen in dieser Runde fast alle an die Energiekonzerne RWE und Leag, die überwiegend an bestehenden oder früheren Kohlekraftwerksstandorten neue Kraftwerke errichten wollen. Eine weitere Bieterrunde startet in Kürze.
Die neuen Kraftwerke sollen im Zuge des bis 2038 geplanten schrittweisen Ausstiegs aus der Kohleverstromung die Versorgungssicherheit mit Strom gewährleisten. Als Backups sollen sie vor allem dafür sorgen, dass bei zu wenig Energiegewinnung aus Wind und Sonne trotzdem genug Strom da ist. Die neuen Anlagen sollen zunächst Erdgas verbrennen. Spätestens 2045 sollen die Gaskraftwerke dann aber mit klimafreundlich erzeugtem Wasserstoff laufen.
Betreiber erhalten 15 Jahre lang Geld für die Bereitstellung
Die Bundesnetzagentur hat jetzt die ersten Kraftwerksprojekte benannt, die für das Bereithalten der sogenannten Erzeugungskapazität 15 Jahre lang Geld bekommen sollen – auch wenn sie möglicherweise nur wenige Stunden im Jahr laufen. Ermittelt wurden sie in einem Bieterverfahren, bei dem 41 Gebote abgegeben wurden. Geplant sind noch zwei weitere Ausschreibungen.
Elf Gebote erhielten einen Zuschlag. Bieter dieser Projekte waren die Unternehmen RWE, Leag, die Leag-Tochtergesellschaft Gaskraftwerk Leipheim und die Stadtwerke Karlsruhe, die mehrheitlich in Kommunalbesitz sind. Nach dpa-Informationen wurden auch Gebote für Batteriespeicher abgegeben, die sich preislich aber nicht durchsetzen konnten.
Energiekonzern Leag bekommt sieben Zuschläge
Die neuen Gaskraftwerke liegen in Brandenburg (4 Zuschläge für den Leag-Standort Jänschwalde), Nordrhein-Westfalen (3 Zuschläge für die RWE-Standorte Voerde, Weisweiler und Werne), Sachsen (2 Zuschläge für den Leag-Standort Boxberg), Bayern (1 Zuschlag für den Leag-Standort Leipheim) und Baden-Württemberg (1 Zuschlag für den Standort Karlsruhe).
Zusammen haben die elf Projekte eine Stromerzeugungskapazität von 5.160 Megawatt (= 5,16 Gigawatt). Die Betreiber sollen pro Jahr im Durchschnitt rund 155.300 Euro je Megawattstunde erhalten, insgesamt also rund 800 Millionen Euro. Die Kosten sollen durch eine neue Umlage von allen Stromverbrauchern getragen werden. Um wie viel der Strom dann teurer wird, ist aber noch offen, weil es noch weitere Ausschreibungen gibt.
Reiche: Erneuerbaren-Ausbau und Kohleausstieg wird abgesichert
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche nannte die erste Ausschreibung einen großen Erfolg. Mit den neuen Gaskraftwerken werde gesicherte Leistung geschaffen, die spätestens ab 2031 dann zur Verfügung stehe, wenn Wind und Sonne nicht ausreichend Strom lieferten. «Damit sichern wir den weiteren Ausbau der Erneuerbaren und den Kohleausstieg ab», sagte die CDU-Politikerin in Berlin.
Das Energieunternehmen Leag will die neuen Anlagen in Jänschwalde und Boxberg nach eigenen Angaben unter Nutzung vorhandener Kraftwerksinfrastruktur errichten und perspektivisch für den Einsatz von Wasserstoff ertüchtigen. «Wir bleiben ein Motor für die Transformation der Energielandschaft in Ostdeutschland, denn Energie liegt seit Generationen in unserer DNA», erklärte Leag-Chef Adi Roesch laut Mitteilung.
53 Prozent der Zuschläge gingen an Kraftwerke, die im sogenannten netztechnischen Norden liegen, zu dem auch Ostdeutschland gehört. Die übrigen liegen im netztechnischen Süden, dem auch NRW zugerechnet wird. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) nannte diesen Aspekt «nicht unproblematisch». «So fehlen insbesondere Zuschläge in der erforderlichen Größenordnung im netztechnischen Süden und damit in der Nähe der Lastzentren, also dort, wo der Strom auch verbraucht wird», erklärte sie laut einer Mitteilung.
Die baden-württembergische Energieministerin Thekla Walker kritisierte, dass «statt neuer, moderner Kraftwerke (…) nun mehrere Projekte in Brandenburg mit umgerüsteten alten Kohlekraftwerken zum Zug» kämen. Diese würden durch einen geringeren Wirkungsgrad hohe Folgekosten durch mehr Gasimporte verursachen, sagte die Grünen-Politikerin.
Der Stadtwerkeverband VKU monierte, dass vor allem zwei Energiekonzerne Zuschläge erhalten hätten. «Wir sehen eine Marktkonzentration, die für den Wettbewerb bei der Stromerzeugung keine gute Nachricht ist», sagt VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. «Es war zwar eine wettbewerbsintensive Ausschreibung, aber das Ergebnis bedeutet trotzdem Konzentration», so Liebing.
DUH-Kritik: Geschäftsinteressen fossiler Megakonzerne dominieren
Kritik kam auch von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). «Die Bundesregierung lässt Stromkundinnen und Stromkunden für neue fossile Kraftwerke zahlen und verkauft das als Versorgungssicherheit», erklärte DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Die Leag lasse sich jetzt den Umbau ihres alten Braunkohleparks subventionieren. Dies zeige, «dass hier die Geschäftsinteressen fossiler Megakonzerne dominieren».
Greenpeace bemängelte, dass Alternativen wie Batteriespeicher in der ersten Ausschreibung faktisch ausgeschlossen gewesen seien. «Wer heute Milliarden in fossile Kraftwerke steckt, macht uns auch in der nächsten Gaspreiskrise abhängig von fossilen Preisschocks und bremst die Energiewende aus», erklärte Greenpeace-Energieexpertin Noemi Mundhaas.
