Leere Netze statt voller Kutter: Die Krabbenfischer an der Nordsee erleben einen schwachen Herbst. «Die Fänge sind nicht besonders groß», sagte Philipp Oberdörffer, Fischerei-Experte bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit Sitz in Oldenburg. Nach dem Rekordjahr 2025, in dem Niedersachsens Küstenfischer fast doppelt so viele Krabben wie noch im Vorjahr gefangen hatten, ist das ein herber Rückschlag.
Auch aus Schleswig-Holstein kommen mitten in der Hauptfangsaison schlechte Nachrichten. Jan Möller vom Landesfischereiverband mit Sitz in Rendsburg sprach von drastischen Rückgängen bei der Fangmenge. «50 Prozent weniger als im letzten Jahr ist es auf jeden Fall, wenn nicht sogar noch mehr», sagte der Vorsitzende der Sparte See- und Krabbenfischerei. «Das ist ein unterdurchschnittliches Jahr.»
Die Fischer befürchten auch, dass ihnen das Wetter in den kommenden Wochen zu schaffen machen wird. «Da spielt einem jetzt natürlich der Herbst auch so ein bisschen entgegen», sagte Oberdörffer. «Das Wetter wird instabiler, die Stürme nehmen zu.» Dann fallen auch meist die Fänge niedriger aus.
Warum die Fänge regional unterschiedlich sind
Besonders schwierig sei die Lage im Norden Niedersachsens. «Der nördliche Bereich fällt dieses Jahr komplett aus», sagte Oberdörffer. Eine eindeutige Erklärung gebe es dafür nicht. «So richtig weiß das ja keiner, aber es hängt mit Sicherheit mit dem Wittling zusammen.» Der Fisch aus der Familie der Dorsche, ein natürlicher Fressfeind der Krabbe, sei dort massenweise aufgetaucht. Auch Möller sieht im Wittling, der schon 2024 für schwache Fänge gesorgt hatte, den Hauptgrund für den Einbruch. «Der hat die kleinen Krabben, die nachwachsen sollen, weggefressen.»
Richtung Ostfriesische Inseln und Ems sowie in den angrenzenden Niederlanden fallen die Fänge diese Saison etwas besser aus. Dort tummeln sich noch weniger Wittlinge, doch das kann sich jederzeit ändern. «Der ist ja mobil», meinte Oberdörffer. Schwimme der Fisch in andere Gebiete, in denen man derzeit noch ein paar Krabben fangen könne, könne es innerhalb kürzester Zeit auch dort vorbei sein.
Solche regionalen Unterschiede gebe es immer wieder. «Manchmal hat man ja auch eine Situation, dass nur Deutschland nicht fängt, Dänemark aber super gut», sagte der Fischerei-Experten. Eine solche Lage habe es etwa 2023 gegeben. «Da bleibt der Preis dann relativ verhalten und die Deutschen können sich dann nur die Nase putzen.»
Was das für die Krabbenpreise bedeutet
Diesen Herbst hätten die Erzeugerpreise schon angezogen – und das ist laut dem Experten ein Warnsignal. «Wenn die Preise im Herbst steigen, was wir dieses Jahr wieder hatten, dann ist das nie ein gutes Zeichen für die Fangsituation insgesamt.»
Im Frühjahr waren die Preise noch deutlich niedriger, allerdings nur im Großhandel. Bei den Kundinnen und Kunden sei das kaum angekommen, sagte Oberdörffer. Viele Händler verlangen aktuell rund fünf Euro pro 100 Gramm Krabbenfleisch. Die begehrten Krebstiere werden in nächster Zeit wohl noch etwas mehr kosten, doch die Preise werden nach Einschätzung des Experten nicht extrem steigen. «So wird der Verbraucher das vielleicht gar nicht so groß wahrnehmen.»
Bei den Fischern kommen aktuell nach Möllers Angaben rund sechs Euro pro Kilogramm gefangener Krabben an. Seit Mai/Juni hätten Händler nach seinen Informationen Probleme gehabt, das Krabbenfleisch zu vermarkten. Grund sei demnach Kaufzurückhaltung von Endverbrauchern gewesen. Viele Menschen schauten, wo sie sparen können. «Krabben sind natürlich kein Grundnahrungsmittel», sagte Möller. Die Erzeugerpreise seien aufgrund dieser Problematik von Woche zu Woche gefallen. «Da passten die Erzeugerpreise überhaupt nicht zum Fang.» Dazu seien die Fischer durch sehr hohe Energiekosten belastet.
Direktvermarktung keine grundsätzliche Alternative
Die Direktvermarktung der Krabben vom Kutter aus an der Pier, die einige Fischer zum Beispiel im Büsumer Hafen betreiben, ist nach Möllers Ansicht keine grundsätzliche Alternative zur Vermarktung über den Großhandel. «Wenn Fang da ist, können wir die Krabben gar nicht alle so verkaufen.»
Von existenzbedrohenden wirtschaftlichen Problemen der Krabbenfischer in der aktuellen Situation habe er bisher nichts gehört. Das liege wohl auch an der guten vergangenen Fangsaison. «Und ich will hoffen, dass das auch nicht passiert, weil wir immer noch hoffen, dass es nächstes Jahr wieder besser wird.» In Schleswig-Holstein gehen nach Möllers Angaben aktuell noch etwa 60 Krabbenkutter auf Fangfahrt. Neun Kutter seien mit der jüngsten Abwrackprämie aus dem Geschäft genommen worden.
Was den Fischern Hoffnung macht
Die Fischer hoffen noch, dass sich die Lage im Laufe der Saison bessern wird. Bislang landen vor allem kleine Tiere in den Netzen, wie Oberdörffer erklärt. «Die größeren Krabben müssten eigentlich langsam auftauchen.» Bis kurz vor Weihnachten sind die Fischer noch mit ihren Kuttern unterwegs, dann ziehen sich die Krabben erst einmal in tiefere Gewässer zurück und der Fang wird in der Regel bis Anfang März unterbrochen.
